Station 08 – Volkshaus: Der Kapp-Putsch

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Mit derselben Einmütigkeit und Entschlossenheit wie die Arbeiterschaft am Sonntag in den Riesenversammlungen den Streik beschlossen hatte, setzte diese am Montag ein. Schon rein äußerlich zeigte sich das an dem völlig veränderten Stadtbild. Vor den großen Fabriken standen die Arbeiter in größeren Gruppen, Lebhaft diskutierend.“ schreibt die Leipziger Volkszeitung am 15. März 1920 über den Generalstreik, der als Reaktion auf den Kapp-Putsch auch in Leipzig wie andernorts in Deutschland begann.

Die Marinebrigade „Ehrhardt“ und Freikorps unter Führung von General von Lüttwitz hatten am 13. März 1920 das Berliner Regierungsviertel besetzt, die Reichsregierung abgesetzt und den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp zum Reichskanzler ausgerufen. Auf der Flucht aus Berlin hatten Reichspräsident Friedrich Ebert und die Regierung unter Reichskanzler Gustav Bauer einen Aufruf an das deutsche Volk gerichtet – die Reichsminister und der SPD-Parteivorstand riefen zum Generalstreik auf, dem sich die Gewerkschaften, USPD und KPD anschlossen.

In Leipzig beschließt der Aktionsausschuss aus SPD, USPD, Gewerkschaftskartell und nach Zögern auch der KPD am Nachmittag des 13. März ein Fünfpunkteprogramm:

„1. Beseitigung der konterrevolutionären Regierung; 2. Aufhebung des Belagerungszustandes; 3. Freilassung der Schutzhäftlinge; 4. Amnestie für politische Vergehen; 5. Bewaffnung der Arbeiter zum Schutz der revolutionären Errungenschaften.“

Für den 14. März wird zu 18 Massenversammlungen im ganzen Stadtgebiet mobilisiert.

Im Namen des Leipziger Bürgerausschusses – eine Besonderheit der Messestadt, gegründet in den Revolutionstagen November 1918 – findet eine Besprechung unter Beteiligung des Leipziger Reichswehrbrigadekommandos sowie Vertretern des Zeitfreiwilligenregimentes statt. (Das Zeitfreiwilligenregiment besteht seit Mai 1919 unter General Maercker aus ehemaligen Soldaten und vor allem freiwilligen Studenten der Universität.)

Auch in den umliegenden Orten bilden sich Aktionsausschüsse, die sich dem Leipziger Fünfpunkteprogramm anschließen.

Das Zeitfreiwilligenregiment der Stadt Leipzig besetzt als Unterstützung für die Kapp-Putschisten am 13. März die Innenstadt und bezieht Quartier im Augusteum der Universität.

Der 14. März beginnt mit Versammlungen im ganzen Stadtgebiet, von denen aus die Demonstrationszüge zur Kundgebung für die Republik auf dem Augustusplatz aufbrechen. Die Innenstadt ist jedoch vom Zeitfreiwilligenregiment und Teilen des Reichswehrregimentes 37 unter General Senfft von Pilsach abgeriegelt. Ohne Vorwarnung und Ausweichmöglichkeiten kommt es zum Schusswaffeneinsatz am Roßplatz, am Johannisplatz, am Hauptbahnhof und am Fleischerplatz (heute Goerdelerring). Allein in den Kämpfen am Augustusplatz werden 40 Demonstrant*innen getötet und mehr als 100 verletzt (Leipziger Blutsonntag).

Daraufhin gründen die Arbeiter*innen in den Stadtteilen Ortswehren, in den Lokalen der Arbeiter*innenbewegung werden Sammelpunkte eingerichtet und bei Hausdurchsuchungen Waffen beschafft. Überall in der Stadt errichtet man Barrikaden: am Floßplatz in der Nähe des Volkshauses, am Connewitzer Kreuz, der Koburger Brücke, zwischen der Rennbahn und der Plagwitzer Straße (heute Käthe-Kollwitz-Straße) aber auch im Norden um die Verbindung zwischen dem zweitgrößten Kasernenkomplex Sachsens in Gohlis und der Innenstadt zu unterbrechen. Im Osten der Stadt entstehen die Barrikaden in der Dresdner Straße, am Täubchenweg Ecke Heinrichstraße, in der Tauchaer Straße (heute Rosa-Luxemburg-Str.) und am Anfang der Eisenbahnstraße.

„Alle Bevölkerungsschichten, darunter besonders Hausfrauen und Jugendliche, beteiligten sich eifrig und unermüdlich am Barrikadenbau.“ (Langrock, S.22)

Heftige Auseinandersetzungen zwischen Arbeiterwehren und Einheiten des Zeitfreiwilligenregiments bzw. Reichswehrsoldaten gibt es an der Thomasschule, am Königsplatz, am Johannisplatz und am damaligen Krystallpalast in der Wintergartenstraße. Sie erreichen im Stadtgebiet am 17. März ihren Höhepunkt und drängen die Putschisten in der Innenstadt in die Defensive.

„Die schwersten und andauerndsten Kämpfe spielten sich am Krystallpalast ab. Die Reichswehr hatte sich hier in dem Grundstück von Breitschädels Möbelhallen festgesetzt, dann in den Grundstücken der Schützen- und Wintergartenstraße zahlreiche Maschinengewehre und Minenwerfer in Stellung gebracht und sie konnten von hier aus die Tauchaer Straße, Karlstraße und Marienstraße unter Feuer nehmen. Die Geschosse haben namentlich an den Grundstücken am Eingang der Tauchaer Straße enormen Schaden angerichtet. In der Tauchaer Straße, Eisenbahnstraße, Brandenburger Straße sind die meisten Barrikaden errichtet worden.

In geringen Abständen ist das Straßenpflaster aufgerissen, aller Arten Wagen umgeworfen, Pfosten und abgesägte Baumstämme quer über die Straße gelegt. Nach jedem Schuß setzte eine rasende Schießerei der Reichswehr ein. Der Osten der Stadt zeigt vielfach Verteidigungsmaßnahmen, die von den Arbeitern ausgeführt wurden. Ausgeworfene Straßengräben, Wagenbarrikaden, Drahtsperrungen und Drahtverhaue entstanden an allen Orten. Die Kämpfe erreichten Mittwoch ihren Höhepunkt. Bewaffnete Arbeiter drangen in Gruppen auf den Stadtkern vor und beschossen militärische Posten. Brennpunkt der Kämpfe war wieder der Johannisplatz und die Gegend um den Krystallpalast“. (LVZ, 26.3.1920)

 

Am 18. März muss die Reichswehr einem Waffenstillstand zustimmen, der zwischen Senfft von Pilsach und dem Sozialdemokraten Richard Lipinski als Vertreter von USPD, SPD und Gewerkschaftskartell geschlossen wird. Bereits am 17. März brach der Putsch auch in Berlin zusammen.

Die Leipziger Volkszeitung veröffentlicht das Waffenstillstandsabkommen noch am gleichen Tag, es beinhaltete den Austausch von Gefangenen, den Abzug des Zeitfreiwilligenregiments und den Abbruch des Generalstreiks.

„Die Nacht verlief ruhig. Heute Morgen standen die Arbeitertruppen und das Militär einander an den Straßenkreuzungen mit in Ruhe gesetzten Gewehren gegenüber. Sämtliche Vororte sind in den Händen der Arbeitertruppen, das Militär ist auf einen kleinen Bezirk eines Teiles der inneren Stadt beschränkt, der von Arbeitertruppen umgeben ist.“ (LVZ, 18.03.1920)

 

Die KPD versucht noch neue Konfrontationen zu entfachen, aber wie in der Stadt lösen sich auch im Landkreis die Arbeiterwehren am 18. März auf.

Als jedoch am 18. März ein Militärflugzeug während eines Aufklärungsfluges über Schönefeld abgeschossen wird, verhängt die sächsische Regierung sofort den Ausnahmezustand über Leipzig, da die Arbeiterwehren den Waffenstillstand gebrochen haben. Generalleutnant Senfft von Pilsach übernimmt den Vollzug und befiehlt rücksichtsloses Vorgehen. Doch nur vereinzelt wehren sich die Arbeiter*innen gegen die Abgabe der Waffen.

Während am Nachmittag des 19. März auf dem Südfriedhof eine große Trauerfeier für die gefallenen Kämpfer*innen stattfindet, kommt es in der Innenstadt erneut zu Gefechten.

Die Artillerie kommt nun gegen das vermeintliche „Rote Hauptquartier“, das Volkshaus in der damaligen Zeitzer Straße zum Einsatz. Die vermuteten „Spartakisten“ können die Soldaten im durch Granatenbeschuss beschädigten Haus nicht verhaften, nur 51 Angestellte, die wie Kriegsgefangene behandelt werden. Dann wird das Haus geplündert und in Brand gesteckt. Das Volkshaus brennt vollständig nieder. Am 20. März ist Leipzig militärisch besetzt und in den Folgetagen finden zahlreiche Verhaftungen und Hausdurchsuchungen statt. Der Streik wird am 21. März abgebrochen. Mehr als 100 Menschen starben in den Kämpfen und es gab zahlreiche Verletzte.

Der Wiederaufbau des Volkhauses unter dem Motto „Trotz alledem“ wird eine politische Demonstration. Jede*r organisierte Arbeiter*in spendete einen Tagesverdienst und rund 200.000 Volkshaus-Gutscheine im Wert von 50 Pfennigen werden ausgegeben, um die Baukosten aufzubringen und Spenden aus ganz Deutschland treffen ein.

Am 9. November 1920 – dem Tag der Revolutionsfeier – wird Richtfest gefeiert und in der Nacht richtet eine Bombe erneut großen Sachschaden an. Erst am 1. Mai 1923 wird es incl. Erweiterungsbau feierlich wieder eingeweiht.

Daniela Schmohl